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LOGAN


(USA, 2017,

Buch: Scott Frank, James Mangold, Michael Green,

Regie: James Mangold)


[spoiler alert!]


Ja, ich bin Wolverine-Fan (nerd alarm!). Also eigentlich Hugh Jackman-Fan - aber wieviele Männer sehen schon so kernig aus und können dann auch noch tanzen und singen, legen großartige Lachfalten obendrauf und toppen das Ganze mit australischem Charme?! Eben. Es braucht auch einen Hugh Jackman, um den beknackten Wolverine-look tragen zu können, und es braucht einen Wolverine, um die etwas betulichen X-men aufzumischen. Die beiden Solo-Abenteuer von Logan, "X-Men Origins: Wolverine" und "The Wolverine", hatten mir schon besser gefallen als die drei Original-X-Men-Filme, daher war "Logan" ohnehin einer meiner am meisten erwarteten Film in diesem Frühjahr, und dann gab es darüber hinaus ja noch diesen Trailer, der mit Johnny Cashs wunderbarer Cover-Version von 'Hurt' (Nine Inch Nails) unterlegt war ... Ich war also am Mittwoch in der preview für den Film, in der sogenannten "Heroes' Night"-Reihe, und mindestens 90% des Publikums waren tatsächlich männlich und das Kino rappelvoll. Ich saß eingekeilt zwischen zwei ziemlichen Kerlen, und nicht nur die beiden haben sich am Ende des Films verstohlen die Augen gewischt. Zudem handelte es sich um ein vorbildlich trainiertes Marvel-Publikum, denn ungefähr zwei Drittel blieben durch den kompletten Abspann sitzen: bei Marvel weiß man ja nie, ob noch was kommt. Bei diesem Film kommt aber tatsächlich keine teaser-Szene mehr, was nochmal unterstreicht, dass es sich hierbei wirklich um das vorerst letzte Wolverine-Abenteuer und auf jeden Fall Jackmans letzten Wolverine-Auftritt handelt, und so könnte man eigentlich schon während des Abspanns gehen, aber dann würde man einen weiteren Johnny Cash Song verpassen, 'The Man Comes Around'. So saßen wir also brav im Dunkeln und ließen den Film nachklingen und hofften inständig, dass es nicht wie bei Spiderman alle paar Jahre einen Neustart der Reihe geben wird. Denn "Logan" ist ein schöner Schlusspunkt und sollte es auch eine Weile bleiben.

      Doch zurück zu den Anfängen: Im ersten Einzelfilm ("X-Men Origins: Wolverine", 2009, Regie: Gavin Hood) erfahren wir, was in den X-Men-Filmen nur angedeutet wurde: wie der kleine James Logan das erste Mal seine Knochen-Klauen ausfährt, wie er sich zusammen mit seinem Bruder, Victor Creed (animalisch: Liev Schreiber), über die Jahrzehnte hinweg in diversen Kriegen verdingt, ohne bedeutend zu altern oder eine Schramme davonzutragen. Wie er in eine Spezialeinheit rekrutiert wird und ironischerweise bei der ersten Begegnung mit Adamantium dem Soldatendasein den Rücken kehrt; woher sein Spitzname "wolverine" kommt, wie er dazu gebracht wird, sich sein Skelett mit Adamantium verfeinern zu lassen, wie er zu Motorrad und Lederjacke kommt und wie er schließlich sein Gedächtnis verliert. Wir lernen, dass er noch nie gerne geflogen ist und dass komplizierte Liebesbeziehungen sein Schicksal sind und ihn maßgeblich als Helden motivieren. "X-Men Origins: Wolverine" ist ein schönes Spektakel mit krachenden Actionszenen und kleinen Momenten des Marvel-typischen Humors und zeichnet die körperliche und emotionale Genese dieses Superhelden nach.

      Superhelden (und Cowboys) sind immer am besten, wenn sie gebrochene Helden sind und nicht nur äußere Kämpfe mit Bösewichten ausfechten müssen, sondern auch mit den eigenen Dämonen, den eigenen Kräften und den Konsequenzen ihres Tuns zu kämpfen haben. Nicht nur deswegen ist Wolverine einer der interessantesten X-Men; er ist auch eigentlich immer Held-wider-Willen, fulminant schlecht gelaunt und ein entschiedener Einzelgänger. Darin ähnelt er den klassischen Westernhelden und seine Geschichte wird mit einem Abstecher zum Eastern in "The Wolverine", in "Logan" dann auch in Western-Manier zu Ende erzählt.

      Das zweite Solo-Abenteuer, "The Wolverine" (2013, Regie: James Mangold), spielt nach dem dritten X-Men-Film und Logan ist entsprechend deprimiert, weil er mal wieder auf tragische Weise eine große Liebe verloren hat. Er lebt einsam und zerzaust in den Bergen und pflegt seine Todessehnsucht. Er ist ein Soldat ohne Auftrag und ein Mann, der sich nach Wegen aus der Einsamkeit sehnt, aber nicht wagt, emotionale Bindungen einzugehen, weil er gelernt hat, dass jede Person, die ihm am Herzen liegt, stirbt und er nicht nur wegen seiner fast-Unsterblichkeit einsam zurückbleibt. Am Ende der Japanreise ist er aber als Held regeneriert: er ist kein Ronin mehr, sondern wieder ein Kämpfer mit einem Ziel und kehrt als einsamer Cowboy zwar der Liebe den Rücken, arrangiert sich aber damit, mit anderen zusammen für das Gute zu kämpfen.

      In "Logan" treffen wir nun Jahre später auf einen zunehmend zerfallenden Wolverine. Die Möglichkeit seiner Sterblichkeit war schon im Vorgänger ein Thema und hier ist sie Realität geworden; wahrscheinlich ist es das Adamantium, das Logan langsam vergiftet. Die Geschichte spielt 2029 (was man hauptsächlich an selbstfahrenden Lastwagen, aufgerüsteten Prothesen und komplizierteren Möglichkeiten von biologischer Vaterschaft merkt), und Logan bewegt sich als würde ihm jeder Schritt Schmerzen bereiten, pflegt einen trockenen Husten, hält sich hauptsächlich mit Alkohol am Laufen, und auch sein Sinn für Styling ist ihm sichtbar abhanden gekommen. Sein Todeswunsch steht ihm ins tatsächlich gealterte Gesicht geschrieben und sein letzter Grund am Leben zu bleiben, sich nämlich um den kranken Charles Xavier (Patrick Stewart darf hier endlich eine etwas interessantere Version des Prof. X geben) zu kümmern, ist offenbar eine bestenfalls lose Verankerung. Wie schon am Anfang von "The Wolverine" ist er ein ehemaliger Krieger, der bloß noch am Leben ist, weil er noch keinen für seine Soldatenmentalität ehrenhaften Weg in den Tod gefunden hat.

      Obwohl Wolverine am Ende von "X-Men: Days of Future Past" (2014) mit seiner Mission eigentlich erfolgreich war, eine Zukunft zu kreieren, in der Menschen und Mutanten friedlich co-existieren, wurden 2029 die Mutanten anscheinend fast gänzlich ausgerottet und seit 25 Jahren wurden keine neuen Mutanten mehr geboren. In dieser von Endzeitstimmung geprägten Welt muss unser Anti-Held ein letztes Mal zum Held-wider-Willen mutieren. Als plötzlich doch eine achtjährige neue Mutantin auftaucht und Wolverine um Hilfe angesucht wird, muss er wie schon im ersten X-Men-Film zum Beschützer eines kleinen Mädchens werden. Noch stärker als bei Marie/Rogue sträubt sich Logan dagegen, etwas mit Laura (Dafne Keen) zu tun zu haben, denn er weiß ja was aus Menschen wird, die ihm etwas bedeuten. Trotzdem wird er in eine Geschichte hineingezogen, in der ein weiteres Mal für die Rechte und das Überleben der Mutanten gekämpft werden muss und grausame Experimente an Mutanten aufzudecken sind. Es stellt sich heraus, dass Laura in gewissem Sinn Logans Tochter ist, die mit Hilfe seiner DNS erzeugt wurde, und dass sie nicht das einzige Produkt dieser Experimentreihe ist. Auch wenn der Bösewicht hier nicht mehr Wolverines Nemesis Colonel Stryker ist, sondern ein eiskalter Wissenschaftler (Richard E. Grant), steckt natürlich ein militärisches Anliegen hinter der Entwicklung neuer kleiner Mutanten. Dass die so gar nicht fügsam und kontrollierbar sind, sorgt nicht nur für eine Geschichte, die brutaler und blutiger daher kommt als alle vorangegangen X-Men-Filme, sondern lässt auch Hoffnung auf eine neue X-Men-Generation aufkeimen. Wenn am Ende dieser Trupp traumatisierter Kinder, die ganz auf sich gestellt sind, in die Freiheit zieht, ist abzusehen (und zu hoffen), dass sie zu deutlich wilderen Mutanten heranwachsen werden als die spießigen Absolventen von Xaviers Nobelinternat. Die X-Men sind im Jahr 2029 zwar Legenden, die bloß noch in Comicheften existieren (die allerdings erstaunlich praktische Hinweise enthalten), doch die Legenden der Zukunft stehen schon in den Startlöchern.

      Bis es aber dazu kommt, ist Logan mit Laura auf der Flucht, und natürlich geht es dabei nicht nur darum, den Verfolgern zu entkommen, sondern auch um Logans Weg zur Erlösung. Es kommt zu diversen tragischen Kollateralschäden und Logan, der von Anfang an ziemlich geschunden wirkt, wird noch mehrfach arg durch die Mangel genommen. Dass es aus dieser desillusionierten, melancholischen Grundsituation zu einem erhabenen Western-Showdown kommt, geht nicht ganz ohne Pathos vonstatten. Schön daran ist, dass dafür tatsächlich ein Western zitiert wird, und dass dieser Western "Shane" (1953) ist, gibt der Vater-Tochter-Geschichte und Wolverines Ende eine besondere Note. Wenn der einsame Krieger Logan am Ende seine Bestimmung gefunden hat und sogar noch einen Moment lang Liebe und Frieden erfahren darf, kann auch das Publikum befriedigt aufatmen: die Wolverine-Reihe hat einen würdigen Abschluss gefunden. Man mag die Schlussszene, in der Laura vor einem Western-Panorama "Shane" zitiert und das Kreuz, das Logans Grab markiert, zu einem X umdreht kitschig finden - ich fand's schön und passend.

      Der Film ist härter und düsterer als man es von den X-Men-Filmen, aber auch den Wolverinen-Filmen, kennt, doch dadurch ist "Logan" auch weniger plastik-artig. Ich plädiere normalerweise nicht für mehr Gewalt im Kino, aber hier entsteht dadurch, dass man sieht was Wolverines Krallen anrichten, ein gewisser Realismus, der die Figur verständlicher macht und auch das Superheldengenre aus seiner klinischen Unnahbarkeit befreit. In einer Zeit, in der Superhelden das Kino zu dominieren scheinen und es langsam schwierig wird, noch emotionales Interesse an den Helden zu wecken und Action-Spannung zu erzeugen, wenn ja eigentlich von Anfang an klar ist, dass die Superhelden mit ihren Superkräften triumphieren werden, sogar wenn ihre Gegner auch Spezialkräfte haben, kommt das Ende eines Helden genau richtig. Und der Western scheint ein gutes Mittel zu sein, ein Comic-haftes Genre wieder zu erden - selbst wenn es in Form eines Abgesangs geschieht. Auch der Mut, eine lukrative Reihe zu beenden, ist ein interessantes und bedenkenswertes Signal im Kinokosmos (auch wenn ich mich auf die kommenden Ausweitungen und Zusammenführungen im Avengers-Universum freue...).

      Natürlich ist auch dieser Marvel-Film nicht ganz ohne Humor (das macht die Marvel-Filme unter anderem ja so viel besser als die DC Comics-Verfilmungen). Vor allem die Familiendynamik zwischen "Opa" Charles, Logan und Laura sorgt für kleine lustige Momente. Genauso komisch sind die Versuche Logans Laura beizubringen, dass man nicht stiehlt oder die Szene, in der die Kinder Logan auf seine typische Wolverine-Gesichstbehaarung zurückstutzen.

      James Mangold, der schon bei "The Wolverine" Regie führte und sich auch in seinem Western "3:10 to Yuma" und der Johnny-Cash-Biographie "Walk the Line" mit Außenseiterfiguren beschäftigt hat, fügt die unterschiedlichen Themen seiner vorherigen Arbeiten in "Logan" zu einer gelungenen Synthese zusammen. Dass er Logan hier außerdem mit einem seelenlosen Doppelgänger konfrontiert, gibt ihm die Möglichkeit, im Kontrast noch einmal die Eigenschaften hervorzuheben, die Wolverine zum Helden machen: nicht seine Superkräfte oder seine Kampfmaschinen-Fähigkeiten, sondern seine Erfahrungen von Liebe und Schmerz - und sein freier Wille. Laura, als komplett ungezähmte Version von Logan, ist eine weitere Erinnerung an die Entwicklung dieses Helden, der wir in den vorherigen Filmen zugeschaut haben.

      Das X-Men-Universum macht vom ersten Film an klar, dass die science-fiction-artige Andersheit der Mutanten auch eine übertragene Relevanz für die Realität haben soll, in der die Filme rezipiert werden. Schließlich wird mehrfach erzählt, dass Eric/Magneto ein Holocaust-Überlebender ist, und die Kämpfe zwischen Gut und Böse finden immer vor dem Hintergrund von politischer Kontrolle und Ausbeutung der mannigfaltigen Andersheit der Mutanten statt. Dass für die Mutanten am Ende von "Logan" die Überquerung einer Grenze das rettende Ziel ist, ergibt daher zwar innerhalb der Geschichte wenig Sinn (denn warum sollten sich die völlig ruchlosen Verfolger von einer Grenze inmitten der Bergwildnis aufhalten lassen?), der Symbolwert dieser Flucht ist dafür umso größer.

- Ein erhebender Abgesang.

7.3.17 08:30

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