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MANCHESTER BY THE SEA / VERBORGENE SCHÖNHEIT


Kurz hintereinander habe ich im Januar zwei Filme gesehen, die zwar beide Dramen, sonst aber meilenweit voneinander entfernt sind und jeweils vorbildlich demonstrieren, was ein gutes und was ein schlechtes Drama ausmacht.

      "Manchester by the Sea" (2016, Buch und Regie: Kenneth Lonergan) erzählt von gravierenden und furchtbar traurigen Ereignissen, aber eigentlich passiert nicht viel. Für die Geschichte gibt es keine wirkliche Auflösung und für die Hauptfigur auch keine Erlösung, und trotzdem fühlt man sich am Ende nicht völlig hoffnungslos. Es wird nicht linear erzählt und das komplette Bild, das sich erst nach und nach ergibt, ist noch viel schrecklicher als vermutet, aber ich habe mich zum Schluss trotzdem gut gefühlt. Schon allein aus Freude darüber, einen wirklich herausragenden Film gesehen zu haben.

      Im Mittelpunkt des Films steht Lee Chandler, der zu Beginn zwar etwas grummeliger, aber auch einfach etwas ehrlicher als andere Leute erscheint, bis seine Gewaltausbrüche vermuten lassen, dass er den Streit sucht, um überhaupt noch etwas zu fühlen. Dass Casey Affleck das schauspielerische Talent in der Familie abbekommen hat, ist schon lange offensichtlich, und er spielt diesen Lee, der eigentlich schon lange tot ist, so einfühlsam und ausdrucksvoll, dass er sämtliche Auszeichnungen für die Rolle verdient hat. Als Lees Bruder stirbt, ist er gezwungen, in seine Heimatstadt zurückzukehren, um sich um seinen 16jährigen Neffen Patrick zu kümmern und sich seiner Vergangenheit zu stellen.

      Patrick wirkt wie eine jüngere, ungebrochene Version von Lee und ist eine großartig geschriebene (und gespielte: Lucas Hedges) Figur. Er ist ein sarkastischer Charmeur, aber auch extrem verletzlich; er hat viel Lebensweisheit, aber auch kindlichen Egoismus; er jongliert bewundernswert großen Verlust und den eigentlichen Beginn seines (Sex-)Lebens; er wird von allen anderen verlassen und ist doch am wenigsten allein. Aus dem Zusammentreffen von Lee und Patrick ergeben sich einige extrem komische Momente, die den Film noch berührender machen.

      Der Film vermeidet es, die Geschichte einer Läuterung zu erzählen, in der übermenschliche Opfer gebracht werden oder die Menschen kolossal über sich hinauswachsen. Stattdessen sind die Figuren von den Situationen überfordert und reagieren häufig unangemessen. Es werden keine pauschalen Weisheiten abgesondert und auch formal ist der Film äußerst zurückhaltend. Er nimmt sich viel Zeit für das Wetter, fürs Schneeschippen, für lange Autofahrten, für Landschaften und Stadtansichten und erzählt dadurch subtil von Schuld, Leere, Kälte und Einsamkeit. Durch die Wiederholungen und Eintönigkeit wird Lees Gefangenheit in seiner persönlichen erstarrten Hölle vermittelt und der Film erinnert hierin manchmal an den Stil von Jim Jarmusch. Auch die Musik transportiert viel von der Geschichte und dem Grundgefühl des Films, und dass sie teilweise etwas aufdringlich eingesetzt wird, tut dem Film keinen Abbruch. "Manchester by the Sea" ist um Realismus bemüht (z.B. reden die Figuren häufig gleichzeitig und elliptisch, setting und Protagonisten dürfen ungekämmt aussehen), erlaubt sich aber auch halluzinatorische Szenen, die den Effekt von Authentizität aber eher noch verstärken.

      Der Schlüsselsatz des Films ist für mich "Das müssen Sie entscheiden!". Lee sagt ihn mehrfach zu anderen Figuren und dadurch wird klar, wie schwer es ihm fällt, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Der Satz ist aber auch an die ZuschauerInnen gerichtet: anstatt uns zu überwältigen, traut der Film uns emotionale Differenziertheit zu und überlässt es uns selbst, uns eine Meinung und eine Stimmung zu bilden.

      Es gibt kein Zurück, das macht der Film ganz klar, aber es gibt ein Weiterleben. Und das erscheint am Ende sogar weniger sinnlos als zu Beginn des Films. Aber was Männer aus den Beziehungen zu ihren Booten ziehen, wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben.


Das Problem an "Verborgene Schönheit" (2016, Regie: David Frankel) ist, dass überhaupt nichts verborgen, sondern alles äußerst offensichtlich schön ist: die todtraurigen, die todkranken, die verzweifelten, die (relativ) verarmten Menschen; New York ist wunderschön ausgeleuchtet, die Wohnungen sind perfekt eingerichtet und sogar die selbstzerstörerischen Dominosteinkonstruktionen wirken aufgeräumt. Plakativ sind auch die Weisheiten, die verschiedene Figuren von sich geben und die wirken, als hätte der Drehbuchautor (Allan Loeb) sie von Kalenderblättern abgeschrieben oder mit Phrasendreschmaschinen erstellt.

      Der Film ist durchaus vielversprechend besetzt (Will Smith, Helen Mirren, Kate Winslet, Edward Norton, Naomi Harris, Michael Pena, Keira Knightley) und die Figuren tragen diverse Geschichten mit sich herum, über die man sich ihnen eigentlich nahe fühlen könnte, aber trotzdem konnte ich keine einzige von ihnen ertragen. Will Smiths Figur trauert um seine Tochter, seine Arbeitskollegen haben auch mehr oder weniger tragische Schicksale und mischen sich zusätzlich grenzwertig in sein Leben ein; dann gibt es noch eine Trauertherapeutin und die Nebengeschichten aus ihrer Selbsthilfegruppe und eine merkwürdige Theatertruppe.

      Nun ist zwar jede Form von Kunst in irgendeiner Weise manipulativ, aber es gibt z.B. die subtileren Varianten wie bei "Manchester by the Sea" und dann gibt es die heuchlerische Version wie in "Verborgene Schönheit", dem deutlich mehr Zurückhaltung gut getan hätte. Auch ist die Sorte von Realismuseffekt, die in "Manchester by the Sea" angestrebt wird, sicherlich nicht die einzige gültige Ausdrucksform, aber "Verborgene Schönheit" verschreibt sich erst einem bereinigten Hollywood-Realismus und erlaubt sich dann auch noch, den mit halbgarer Übersinnlichkeit zu brechen. Das geht in "Ist das Leben nicht schön?" in Ordnung, aber auch nur, weil da James Stewart mitspielt und der Film von 1946 ist.

      Zwar wird auch "Verborgene Schönheit" nicht rein chronologisch erzählt, aber davon abgesehen ist die Erzählweise viel zu glatt, und diese formale Glätte macht auch den Inhalt platt. Die Künstlichkeit der Geschichte mindert ihre emotionale Wucht und die beiden Wendungen am Ende reichen nicht aus, den Film zugänglicher zu machen, zumal eine davon Großteile der Erzählung nachträglich in Frage stellt. Im gleichen Maße wie sich der Film selbst inhaltlich überfrachtet und stilistisch kitschig zukleistert, überwältigt er sein Publikum emotional und vergibt dadurch jegliche dramatische Überzeugungskraft.


20.3.17 16:34, kommentieren

KONG: SKULL ISLAND

(USA, 2017, Buch: Dan Gilroy u.a.,

Regie: Jordan Vogt-Roberts)

Und mal wieder ein Ausflug in die feingeistigen Gefilde des cineastischen Kosmos: der Monsterfilm. King Kong war schon immer ein eher tragisches als böses Monster, und so ist es auch in seinem jüngsten Leinwandauftritt „Kong: Skull Island“. Der Film spielt nicht wie sonst in den 1930ern, es gibt keine Frau in Weiß und es wird kein einziges berühmtes Gebäude in New York erklommen – stattdessen ist die Geschichte 1973 angesiedelt, nach der Aushandlung des Waffenstillstandsabkommens im Vietnamkrieg, und spielt ausschließlich auf Kongs titelgebender Heimatinsel.

     Eine bunt zusammengewürfelte Truppe (Wissenschaftler, Soldaten, Antikriegsfotografin, Abenteurer) begibt sich dorthin, trifft auf eine furchterregende Menge an überdimensionalen Monstern, auf einen im 2. Weltkrieg auf der Insel gestrandeten Piloten (John C. Reilly), auf einen Stamm Ureinwohner und auf die eigenen inneren Monster. Nach dem ersten Zusammenstoß mit King Kong werden die Expeditionsmitglieder in kleinen Grüppchen voneinander getrennt, und müssen erst einander und dann den Weg zum anderen Ende der Insel finden, wo sie wie vereinbart für den Rückweg in die Zivilisation aufgesammelt werden, wenn sie ihr Ziel rechtzeitig erreichen.

     Auf diesem Spannungsparcours muss gegen diverse eklige Kreaturen gekämpft werden, und die Verluste sind hoch, aber das ist fast egal, weil einen die Figuren ziemlich unberührt lassen. Vor allem muss aber der Weg zur Erkenntnis zurückgelegt werden, dass King Kong zwar auch sehr groß und furchteinflößend, aber eigentlich der Beschützer aller kleineren Wesen auf der Insel ist.

     Auch hier ist es eine Frau (Brie Larson), die eine Verbindung zu King Kong herstellt – woher kommt diese bedenkliche Anziehungskraft zwischen Riesenaffen und Frauen? Ist das so ähnlich wie die merkwürdig innige Beziehung zwischen manchen kleinen Mädchen und Pferden? Auch die hat sich mir nie wirklich erschlossen und es ist in beiden Fällen vielleicht besser, nicht näher über tieferliegende Bedeutungen nachzudenken.

     Neben den reinen Schauwerten stellen Monsterfilme gerne die Vormachtstellung des Menschen und seinen Umgang mit der Natur in Frage. Auch „Kong: Skull Island“ gibt sich zivilisationskritisch und reiht die Menschen blutig-eindeutig in eine Nahrungskette ein, in der sie nicht die Krönung der Schöpfung sind. Dass sie diesen Titel ohnehin nicht verdient haben, wird anhand des militärischen Anführers (Samuel L. Jackson) verhandelt, der nach dem (für ihn) unbefriedigenden Ende des Vietnamkriegs noch trigger-happy ist und in einem persönlichen Rachefeldzug gegen Kong zur eigentlichen Bestie mutiert. Damit ist dann endgültig der Bogen zu „Apocalypse Now“ geschlagen, der schon anklingt, als der Schwarm Militärhubschrauber in die Insel eindringt. Indem zwei Hauptfiguren ‚Marlowe‘ und ‚Conrad‘ benannt sind, wird auch auf „Heart auf Darkness“ selbst angespielt, aber für einen Ausflug in die Kolonialismuskritik findet dann doch ein bisschen zu viel Humor auf Kosten der indigenen Inselbewohner statt.

     Dass sich „Kong:Skull Island“ hauptsächlich dem Spektakel widmet, ist dem Film eigentlich nicht vorzuwerfen, es ist ja schließlich ein Monsterfilm. Aber es ist enttäuschend, dass er dabei ausschließlich auf komplette sinnliche Überwältigung setzt. Monster und Action sind zwar visuell überzeugend, müssen sich dann aber über die Länge des Films immer weiter übertrumpfen, so dass sie irgendwann nur noch grotesk erscheinen. Bereits die Eingangssequenz (John C. Reillys Ankunft auf der Insel) wirkt wie ein Videoclip und fast ironisch überzeichnet, und so ist auch der gesamte Film eher eine gestückelte Aneinanderreihung von teilweise gelungenen Szenen. Dazu kommt, dass über die Actionszenen dröhnende Musik gelegt wird – es ist natürlich verlockend, den 60er-/70er-Jahre Soundtrack ordentlich krachen zu lassen, aber „Guardians of the Galaxy“ hat deutlich besser demonstriert, wie man die Musik gewinnbringend in den Vordergrund stellt.

     Der Humor des Films stammt aus der „Top Gun“-Schule der markigen Sprüche, aber ein weiterer Schauwert ist immerhin Tom Hiddleston, der hauptsächlich heroisch auf Klippen herumsteht und dabei eine gute Figur macht.

- Lieber nochmal „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1959) schauen und sich kindlich-nostalgisch an fiesen Monstern aus der Urzeit erfreuen.

20.3.17 15:45, kommentieren